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Vor 80 Jahren: Heimatvertriebene kamen in Körle an

An der Berglandhalle befindet sich der sogenannte „Sirber Stein“. Dieser Gedenkstein soll Erinnerungen wach halten an die Zeit, als vor 80 Jahren, am 05. Mai 1946, 216 Sudetendeutsche als Heimatvertriebene in unserem Dorf eintrafen. Insgesamt waren es 300 Vertriebene und Flüchtlinge, die nach Körle kamen. Es war auch die Zeit, als die Einwohner bereits viele sogenannte „Ausgebombte-Evakuierte“ aus Kassel aufgenommen hatten und viele Körler Männer noch nicht aus dem Krieg nach Hause zurückgekehrt waren und auch teilweise nicht mehr zurückgekehrt sind. Trotzdem wurden die Heimatvertriebenen und Flüchtlinge aus dem Sudetenland und anderen deutschen Ostgebieten vom größten Teil der Körler Bevölkerung gut aufgenommen.

In der Festschrift zur 900 Jahrfeier der Gemeinde Körle im Jahr 1974 hat der ehemalige Körler Volksschullehrer Karl Suck, der selbst Heimatvertriebener war, vortrefflich die Geschehnisse der damaligen Zeit geschildert.

In Körle fanden von 1984 bis 1994 alle 2 Jahre die Kirchsprengel-Treffen der Pfarrgemeinden Sirb-Metzling statt. In 1990 wurde anlässlich eines Treffens der „Sirber Stein“ errichtet und eingeweiht. Er wurde der Gemeinde Körle aus Dankbarkeit für die gute Aufnahme und Erinnerung an die damalige schwere Zeit übergeben, um die Erinnerungen wach zu halten.

Die wenigen zur Zeit noch in Körle lebenden Heimatvertriebenen können sich noch gut an die Zeit von damals erinnern bzw. erinnern sich an das was die Eltern und Großeltern ihnen von „zu Hause“ und die erste Zeit in der neuen Heimat Körle erzählt haben. Ein beliebter Treffpunkt der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge war „Park Steinsheckchen“, eine Gaststätte mit einer dazugehörigen großen bewaldeten Parkanlage, in der die Kinder nach Herzenslust spielen und toben konnten. Damit die Kinder die Unterhaltung der Erwachsenen nicht störten, gab es ab und an eine Kugel selbstgemachtes Eis zum damaligen Preis von einem Groschen, 10 Pfennig also. Sie gibt es heute noch, die Gaststätte.

Seit der Grenzöffnung und teils auch schon davor, haben viele Heimatvertriebene und auch Körler die Herkunftsorte im heutigen Tschechien besucht, u. a. der verstorbene ehemalige Bürgermeister Fritz Ochs. In seinem Grußwort zur Herausgabe des Buches “Unser Sirb“ in 1988 schreibt er u. a.:

„In den zwei Reisen durch die Kreise Bischofteinitz und Mies konnte ich mir von den Orten und der sie umgebenden Landschaften ein Bild machen. Und ich muss gestehen, dass ich mir die Heimat unserer vertriebenen Mitbürger so nicht vorgestellt hatte. Heute verstehe ich natürlich viel besser, dass man seine Heimat, auch nach mehr als 40 Jahren, nicht vergessen kann“.

Auch nach nun 80 Jahren soll die Erinnerung an die „alte Heimat“ wach gehalten werden. Gerade in einer Zeit, da wieder sehr viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen und hier eine neue Heimat suchen.

Diese Zeilen schreibe ich, Hermann Pawlik, der selbst als 4 Monate alter Säugling mit seiner 10 Jahre alten Schwester, der Mutter, dem Großvater mütterlicher Seite, am 05. Mai 1945 als der Jüngste im Viehwaggon am Körler Bahnhof ankam. Der Vater musste als aus dem Krieg zurückkehrender Soldat das Sudetenland auf dem „Fluchtweg“ verlassen, um nicht von den Tschechischen Behörden verhaftet zu werden. Wahrscheinlich hätte er die die Verhaftung, wie viele andere auch, nicht überlebt. Die Erzählungen meiner Eltern und Verwandten haben mich meine alte Heimat bei meinem ersten Besuch so vorfinden lassen wie mir erzählt wurde. Besonders mein Geburtshaus war noch so, wie wir es verlassen mussten. An einem Bauernhaus steht heute noch der Name der ehemaligen Besitzer, deren Enkeltochter noch in Körle wohnt. Meine wenige Wochen nach ihrem 100. Geburtstag in 2021 verstorbene Cousine väterlicher Seite war für mich ein guter und wichtiger „Zeitzeuge“. Sie erinnerte sich noch an zu Hause und an die Vertreibung als wenn es gestern gewesen wäre.

Ich bin in Körle in einem Haus am Stein mit 3 Kindern der uns Unterkunft gebenden Familie dreisprachig aufgewachsen. Mit der Muttersprache, Körler Platt und in der Schule Hochdeutsch. Ich hatte, trotz aller Widrigkeiten der damaligen Zeit, eine fast unbeschwerte Kindheit in meiner neuen Heimat Körle. Heute, so glaube ich, darf ich mich schon als „Körler“ bezeichnen. Da ich meine alte Heimat einige Male besucht habe, kann ich mich besser in die Gefühle der Erwachsenen von damals hinein versetzen. Meine Mutter hat ihrer Heimat bis zuletzt nachgetrauert, sie hat immer mit Wehmut von „zu Hause“ erzählt.

Wenn ich gewusst hätte, was diese Recherche in mir selbst auslöst, hätte ich mich wahrscheinlich nicht darauf eingelassen. Das Gespräch mit meiner Cousine, zu diesem Thema und was da noch zum „Vorschein“ kam, lässt mich bis heute nicht los, Dinge, die vor, während und nach der Vertreibung geschehen sind.

Lange Gespräche mit meiner Frau, haben mich erst zur Ruhe kommen lassen. Ich begreife jetzt auch, warum meiner Mutter so gelitten hat. Gutes und Böses haben sie in ihrem Bann gehalten und nie losgelassen. Ich habe aber, das muss ich auch gestehen, vieles, wovon ich nur Teile wusste, jetzt begriffen.

Hermann Pawlik

Körle, im Mai 2026

Die Heimatvertriebenen in Körle

(von Karl Suck, ehem. Lehrer in Körle, verfasst für das Jubiläumsbuch „900 Jahre Körle“, 1974 )

Lass dir die Fremde zur Heimat werden, aber nicht die Heimat zur Fremde!

Diese inhaltschweren Dichterworte, geschrieben von dem Theologen J.Baha, stehen erhaben in gut leserlicher Antiqua an der Stirnseite der St.-Anna-Kapelle, hart an der bayrisch-böhmischen Grenze unweit des Marktfleckens Mähring im Oberpfälzer Wald. Erbaut mit freiwilligen Spenden der Egerländer aus dem angrenzenden ehemaligen sudetendeutschen Bezirken Plan-Weseritz, somit eine Gedächtnisstätte, zum Gedenken an die verlorene Heimat. Unwillkürlich denkt der Wanderer an das Volkslied: „Droben steht die Kapelle, schaut weit ins Land hinein“. Von diesem Geweihten Platze aus schweift der Blick der Besucher über die Fluren und Wälder, Wiesen und Felder, Berge und Täler, Dörfer und Städte ihrer alten Heimat. Zur linken grüßt der sagenumwobene Tillenberg herüber, geradeaus erhebt sich stolz und majestätisch der Kaiserwald und das Tepler Hochland, zur Rechten aber schließt die hochragende Basaltkoppe des Wolfsberges mit dem Goethesitz diesen herrlichen Panorama-Rund-Blick ab. Die hochgelegenen Villen des weltberühmten Kurortes Marienbad und die Stadt Plan liegt bei klarem Wetter zum greifen nahe jenseits der Grenze. Passen nun die oben erwähnten Dichterworte zu diesem Ausblick?

Ja, denn Tausende von Heimatvertriebenen fuhren und fahren noch alljährlich zum St.-Anna-Heimattreffen, unternehmen diese Pilgerfahrt, um ihre alten Freunde, Verwandte, Bekannte, Nachbarn und Landsleute um ihre alte Heimat, das Land ihrer Kindheit, ihrer Jugend und ihres Schaffens, kurz das Land, welches ihnen von Kindheitstagen, aus der Jugendzeit, von Saat und Ernte erzählen kann, wieder zu sehen. Wir sehen, Heimat bedeutet nicht allein die Heimatflur, vielmehr in erster Linie den Menschen, Heimat schließt Land und Menschen als Ganzes ein. Aus dieser Erkenntnis ist zu ermessen, dass die alte Generation der Heimatvertriebenen durch die Zwangsausweisung am meisten gelitten, denn alte Bäume soll man bekanntlich nicht versetzen, fehlte ihnen doch der Mensch, der alte liebe Nachbar, fehlte ihnen doch das Land, mit dem sie ein fast vollendetes Leben lang Zwiesprache gehalten. Den Männern und Frauen im Schaffenden Lebensalter war es in der Fremde Gott sei Dank möglich, in ihrer neuen Nachbarschaft, an dem Arbeitsplatz, in den Vereinen, neue menschliche Beziehungen zur bodenständigen Bevölkerung, kurz zum Menschen, aufzubauen. Aber auch das neue Land, welches sie, sei es bei der Arbeit auf den Feldern oder in den Wäldern, auf ihren Spaziergängen und Wanderungen oder auf Reisen kennenlernten, lernten sie lieben. Und so ist die Fremde zur neuen Heimat geworden, wobei sie aber der alten Heimat, die sie von der Kindheit bis zum werktägigen Alter hinein bewusst erlebten, im Herzen treu geblieben.

Auch die Heimatvertriebenen zu Körle haben nach den Worten ihrer Heimatdichter gehandelt, denn Körle ist für sie nicht mehr Fremde, der schöne Ort am grünen Fuldastrand ist ihnen Heimat geworden. Als kleiner Beitrag für die 900-Jahrfeier sei allen Bürgern von Körle, alt und neu dieser Ausspruch eines heimatvertriebenen Dichters zur Beherzigung nochmals gesagt: „Lass dir die Fremde zur Heimat werden, aber nicht die Heimat zur Fremde!“

Die Vertreibung

Bereits beim Dreiertreffen der ehemaligen Gegner Deutschlands im 2. Weltkrieg zwischen Churchill, Roosevelt und Stalin in Jalta vom 4. bis 11. Februar 1945 wurde im Rahmen der Alliierten Forderungen an Deutschland über das Schicksal vieler Millionen deutscher Menschen entschieden. Nach der Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 08. Mai 1945 verkündeten auf der Potsdamer Konferenz vom 02. Juli bis 02. August 1945 die Vertreter der „Drei Großen“, Stalin, Churchill, Truman, die Beschlüsse für die Zwangsaussiedlung der Ostdeutschen aus ihrer jahrhundertealten angestammten Heimat. In diesem Potsdamer Dokument war bestimmt worden: „Die drei Regierungen haben die Fragen nach allen Gesichtspunkten erwogen und kommen zur Erkenntnis, dass die Überführung der deutschen Bevölkerung oder ihrer Teile, die noch in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn sich befinden, nach Deutschland als Herkunftsland durchgeführt werden muss. Sie stimmen überein, dass jeglicher Transfer in geordneter menschlicher Weise durchgeführt werden soll“. Die Wirklichkeit sah leider anders aus, denn das was geschah, war ein Leidensweg gequälter Menschen.

15 Millionen Deutsche waren in der Nachkriegszeit als Heimatlose unterwegs, mehr als 3 Millionen fanden dabei durch Misshandlungen, Hunger und Seuchen den Tod. Rund 12,5 Millionen Ostdeutsche nahmen die vier Besatzungszonen auf auch das Land Hessen damals amerikanische Besatzungszone, hat als Gastland im Jahre 1946 rund eine halbe Millionen Heimatvertriebene und Flüchtlinge aufgenommen. Prozentual sind das 12,5 Prozent der Gesamtbevölkerung des Hessenlandes, denn diese betrug im Jahre 1939 genau 3.479.126 Seelen, 1946 aber durch den Zuzug der Ostdeutschen 4.064.079.

Ankunft und Unterbringung im Dorfe

Wie im Hessenlande wirkte sich selbstverständlich das Hinzukommen der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge auch in den kleinsten Ortschaften auf die Bevölkerungszahl aus. Über das Landratsamt Melsungen wurden natürlich, wie in die anderen Gemeinden des Kreises auch, Heimatvertriebene und Flüchtlinge nach Körle eingewiesen. Die größte Einweisung erfolgte in den Sommermonaten 1946, in welchem drei sogenannte Flüchtlingstransporte aus dem Sudetenland ankamen und untergebracht werden mussten. Es ist völlig irreführend von Flüchtlingstransporten zu sprechen, denn in diesen Fällen handelte es sich nicht um Flüchtlinge, sondern um Menschen, die gezwungen wurden ihre Heimat zu verlassen, also um Heimatvertriebene.

Die Ankunft der Sudetenländer stellt natürlich die Gemeindevertretung vor schwierige Probleme, die aber unter der Leitung des Herren Bürgermeisters Karl Knaust mit viel Geschick gelöst wurden. Man war bemüht, jedwede Möglichkeit auszuschöpfen, um für diese, vom Schicksal so schwer getroffenen Menschen eine Unterkunft zu schaffen. Armen Menschen mit Recht, da die Heimatvertriebenen ihr Hab und Gut in ihrer alten Heimat fremden Leuten überlassen mussten. Sie besaßen nichts, als das ihnen zustehende sogenannte Flüchtlingsgepäck, d. h. pro Person 50 kg, vor allem Wäsche, Bettzeug und Kleidung. Die Unterbringung war nicht leicht zu bewerkstelligen, weil ja zahlreiche Evakuierte aus Kassel, welche ebenfalls in der gleichen trostlosen Notlage die freien, vielmehr entbehrlichen Wohnräume bereits belegt hatten. Nun hieß es abermals zusammenrücken und da wo ein Appell an die Herzen fruchtlos blieb, musste von Amtswegen eine Zwangseinweisung erfolgen. Der Körler Bevölkerung zur Ehre sei gesagt, dass derlei Maßnahmen nur in einzelnen Fällen notwendig waren.

Die meisten Hausbesitzer und Inhaber größerer Wohnungen hatten Verständnis für die Notlage ihrer Mitmenschen und da, wo die Aufnahme Heimatloser nicht nach dem Gebot christlicher Nächstenliebe erfolgte, geschah es dann zumindest nach dem Grundsatz verstandesmäßiger Notwendigkeit. Hierzu gesellte sich noch eine zweite Schwierigkeit, nämlich die der Ausstattung mit den primitivsten Gegenständen des Hausrates und der Wohnungseinrichtung.

Durch Abgabe bzw. Verleihung überzähliger Einrichtungsgegenstände und Hausratsgerätschaften seitens der einheimischen Bevölkerung, wurde auch dieses Hindernis fürs erste notdürftig beseitigt. Verhältnismäßig schnell haben die Neubürger, dies war damals der amtliche Ausdruck für Ortsvertriebenen, mit den Einheimischen Tuchfühlung bekommen, sodass die Menschen sich als Menschen gefunden haben.

Der Großteil der Heimatvertriebenen in Körle stammt aus dem sudetendeutschen Raum, in der Hauptsache aus dem Egerland und dem nördlichen Böhmerwald, aus den Heimatkreisen Mies und Bischofsteinitz. Nach der Kopfzahl folgen die Schlesier, die Pommern, Westpreußen, Ostpreußen, die Brandenburger und eine Familie aus Lettland. Nach der Gemeindestatistik betrug im Jahre 1952 der Stand der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge 300 Personen. Diese verteilt auf die ostdeutschen Landsmannschaften ergibt prozentual gesehen folgendes Bild:

216 Sudetendeutsche → 72%

30 Schlesier → 10%

12 Westpreußen → 4%

12 Ostpreußen → 4%

21 Pommern → 7%

6 Brandenburger → 2%

3 Lettländer → 1%

Summe: 300 Ostdeutsche → -100%

Außerdem waren bereits hierorts zu dieser Zeit 50 Evakuierte untergebracht, somit ein Gesamtzuwachs der Einwohnerzahl um 350 Personen.

Zum Zusammenschluss der Heimatvertriebenen sei gesagt, dass in den Jahren nach der Vertreibung ein Großteil der Heimatvertriebenen dem Landesverband der BVD Hessen beigetreten ist. Der Verband bezweckt den vereinsmäßigen Zusammenschluss der überparteilichen und überkonfessionellen Kreisverbände des „Bundes der Vertriebenen Deutschen“ in Hessen. Seine Aufgabe ist die Vertretung der gemeinsamen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Angelegenheiten der Heimatvertriebenen, Flüchtlinge und ihrer Schicksalsgefährten. Auf Heimatabenden wurde in Wort und Bild, Lied und Musik heimatliches Brauchtum in Ehren gehalten. Auf diese Weise sollten die alten Sitten und Gebrauche, Volkslieder und Volkstänze der ehemals ostdeutschen Landschaften dem Deutschen Volke als Kulturträger erhalten bleiben. So findet zum Beispiel in Jedem Jahr auf dem Heiligenberg am „Tag der Heimat“ ein Treffen der Heimatvertriebenen statt welches zur Tradition geworden, Alt- und Neubürger in besinnlicher, fröhlicher Weise vereinigt. Heute sind es die „Egerländer Trachtengruppen“ von Melsungen und Wolfershausen, die das Gedankengut der alten Heimat weiter pflegen

(Anmerkung: diese Gruppen gibt es heute 2026 nicht mehr).

Erwerbsmäßig kamen die Neubürger zum Teil in den Industriebetrieben in Kassel und Melsungen unter, ein Teil fand im damaligen Sägewerk „Schwaab“ und im Basaltwerk hierorts eine Beschäftigung, einige fanden im Staatsdienst einen lohnenden Arbeitsplatz, andere wiederum arbeiteten als Handwerker und der Rest in der Landwirtschaft. Am schwersten hatte es wohl die heimatvertriebenen Bauern das Schicksal getroffen, weil sich ihnen damals keine Gelegenheit bot, als Bauer sich wieder eine Existenz aufzubauen. Viele Heimatvertriebenen die das Verlangen in sich trugen, baldmöglichst wie einst unter eigenem Dach zu wohnen, verließen damals Körle, um in Melsungen, in Kassel und im Frankfurter Raum zu Bauen. Im Rahmen der Familienzusammenführung übersiedelten einige Sudetendeutsche nach Bayern. Vor 1953 wurden in der Gemeinde Körle von Ostdeutschen nur drei Eigenheime errichtet. Erst im Jahre 1954 und dann ab 1962 hatten die übrigen Bau willigen die Möglichkeit an den Bau eines Hauses zu denken, da von dieser Zeit ab genügend Bauland zur Verfügung stand. Es stehen heute im Ort 50 Wohnhäuser, deren Besitzen ehemalige Heimatvertriebene oder Flüchtlinge sind. Eine namentliche Aufzählung der Bauherren ist in diesem Rahmen wegen Platzmangels nicht möglich. An dieser Stelle ist aber eines Mannes zu gedenken, der insbesondere bei den verschiedenen Bauvorhaben seinen Landsleuten und Schicksalsgefährten mit Rat und Tat zur Seite stand. Wie oft hat er den Bau willigen bei der Vorfinanzierung den richtigen Weg gewiesen, wie oft hat er zur Erreichung des Landes- und Aufbaudarlehns die Eingaben an die Beruflichen Behördenstellen selbst getätigt. Wenn an diesen Häusern sein Namen Stände, so könnte man in Körle gar oft den Namen „Johann Routschka“ lesen. Er war es, der sich mit seiner ganzen Persönlichkeit für die Interessen der Heimatvertriebenen im BVD (Bund der vertriebenen Deutschen), in der Sudetendeutschen Landschaft, im Kreisausschuss des Landkreises Melsungen und in den Gemeindevertretungen immer wieder einsetzte.

Konfessionell gesehen, ist der überwiegende Teil der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge römisch-katholisch. Es ist erfreulich, dass es zwischen den einheimische evangelischen und den hinzugekommenen katholischen Bevölkerungsteilen aus konfessionellen Gründen nie zu Spannungen kam. Der beste Beweis hierfür ist die Tatsache, dass das katholische Messopfer, bis zur Errichtung der katholischen Diaspora-Kirche im Jahre 1959 in Guxhagen all sonntäglich im evangelischen Gotteshaus in Körle gefeiert werden konnte.

Dies zeigt von einer hoch anzuerkennenden Toleranz der evangelischen Kirchenleitung den christkatholischen Mitmenschen gegenüber.

Und nun zur Kinderschar der Heimatvertriebenen. Bewundernswert war die Elastizität, mit welcher sich die Kinder der Ostvertriebenen der neuen Umwelt anpassten. Es wurde im Jahre 1946 in die Körler Volksschule 50 Kinder aller Altersstufen aufgenommen. In geistiger Beziehung waren sie den einheimischen Kindern vollkommen ebenbürdig und gleichwertig. Nur hatten die Kinder durch die Vertreibung schulmäßig viel versäumt, da sie in ihrer alten Heimat durch die Kriegswirren und den Zusammenbruch im Frühjahr 1945 bis zur Zwangsausweisung im Sommer 1946 überhaupt kein Unterricht mehr hatten. Ebenso ließ die körperliche Entwicklung vieler dieser Kinder zu wünschen übrig, wohl bedingt durch die seelischen Belastungen in der Besatzungszeit, durch das Massenleben in den Aussiedlungslagern, durch die Ungewissheit in der bangen Frage des Wohin, durch die Strapazen auf den Transporten, in allem große physische und seelische Überforderungen, deren Folgen auch den Kindern nicht erspart blieben. Die in der Nachkriegszeit von 1947 bis 1951 an der Schule durchgeführte „Schulspeisung“ hat viel mit beigetragen, diesen Übelstand zu beseitigen. Das Verhalten der kleinen Alt- und Neubürger Untereinander war vom Anfang an als gut zu bezeichnen. Bald entstanden neue Bekannt- und Freundschaften, womit der Fundamentale Grundstein nicht nur für ein kameradschaftliches Nebeneinander, sondern sogar für ein gut freundnachbarliches Miteinander für die Zukunft gelegt worden war. Selbst die hiesige Mundart, dass „Körler Platt“, haben diese kleinen Neubürger aus dem ehemals ostdeutschen Lebensraum übernommen, so dass man bald von einem vollkommenen Eingewöhnen und Hineinwachsen in die neue Umwelt sprechen konnte. Heute sind diese Kinder verheiratete Männer und Frauen, und deren Kinder die kommende Generation unserer Gemeinde, in der es nicht mehr Alt- und Neubürger, sondern nur Bürger gibt.

Seit der Ankunft des ersten sogenannten Flüchtlingstransportes ist ein Vierteljahrhundert, genau genommen sind es 28 Jahre, vergangen. Um der Nachwelt die reine Wahrheit zu übermitteln sei nochmals darauf hingewiesen, dass die damals Angekommenen keine Flüchtlinge, sondern Heimatvertriebene waren. Gar viel Wasser rauschte innerhalb dieser Zeit in der Fulda an Körle vorüber. Aus dem einst geduldeten Nebeneinander ist ein segenbringendes Miteinander geworden. Fleiß und Aufbauwille, Arbeitsfreude und Aufwärtsstreben der Heimatvertriebenen wurde seitens der bodenständigen Bevölkerung anerkannt. In den verschiedenen örtlichen Vereinen hat die Jugend und das Mittelalter der neuen Mitbürger durch ihr aktives Mittun einen Gesellschaftlichen Anschluss gefunden. Durch Eheschließungen zwischen Einheimischen und Ostdeutschen erfolgte biologisch gesehen eine blutsmäßige Auffrischung und so hat sich zum Wohl des Dorfes eine neue Dorfgemeinschaft gebildet. Man sprach und spricht so viel vom großen Wirtschaftswunder. War es aber ein nicht noch größeres Wunder, die 12 Millionen Heimatvertriebenen und Flüchtlinge, die aus den verschiedenen deutschen Ostländern kamen, einzugliedern und ihnen eine neue Heimat zu geben? Bestimmt ein großes menschliches Vorhaben, dass auch in der Gemeinde Körle, von beiderseitigem Verlangen getragen und bewältigt wurde. Heute sind die Heimatvertriebenen in der Gemeinde keine Fremden mehr, heut sind sie alle gute Körler. All jenen aber, die in Ihrer vermeintlichen modernen Lebensauffassung mit dem Begriff „Heimat“ nichts mehr anzufangen wissen, sei gesagt: „Ja, mit der Heimat ist es so wie mit der Gesundheit; der Mensch lernt sie erst dann richtig zu achten und zu schätzen, wenn er sie nicht mehr hat“. Nicht um sonst schreibt Hans Watzlik, der Dichter des Böhmerwaldes: „Erst wenn der Baum fällt, sieht man klar, wie stark und wie schön er war!“

Karl Suck (1911-1979)

Die Bronzetafeln tragen folgenden Text:

1945 – 1946

WURDEN IN KÖRLE 300 HEIMATVERTRIEBENEN AUFGENOMMEN

216 – SUDETENDEUTSCHE, 30-SCHLESIER, 12-WESTPREUSSEN,

12–OSTPREUSSEN, 21-POMMERN,

6–BRANDENBURGER, 3–LETTEN,

SIE KÖNNEN STOLZ SEIN, DENN

SIE HABEN SICH AUS EIGENER

KRAFT AUS DEM NACHKRIEGS-

ELEND HERAUSGEARBEITET

UND EIN SCHICKSAL BEZWUNGEN

DAS ANDERE KAUM VERSTEHEN

HEIMAT

JENSEIDS DES BÖHMERWALDES

UND DES THÜRINGERWALDES

FÜR VIELE KÖRLER DIE 1945-46

IHRE HEIMAT VERLASSEN MUSSTEN

SUDETENLAND

EGER 357 Km,BISCHOFTEINITZ 495 Km MIES 460 Km

SCHLESIEN

BRESLAU 638 Km

OSTPREUSSEN

KÖNIGSBERG 988 Km

POMMERN

STETTIN 554 Km

Errichtet von den Heimatvertriebenen 23.6.1990